100 JAHRE KÜNSTLERHAUS BERTELSMANN

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde des HAUS BERTELSMANN,


zu Ehren der Jubiläumsfeier 100 Jahre Künstlerhaus Bertelsmann in 2018 haben wir die Sanierungsarbeiten des denkmalgeschützten Gebäudes abgeschlossen. Das Baudenkmal, ein niedersächsisches Bauernhaus von 1785 hat außen und innen nur wenige Veränderungen gegenüber seinem Ursprung erfahren. Diese kleineren Umbauten sind hauptsächlich gleich nach 1918 erfolgt, nachdem der Maler Walter Bertelsmann das Bauernhaus gekauft hatte. Walter und Erna Bertelsmann gestalteten das ländliche Haus um und entwickelten es zu einem „Künstlerhaus“ für sich und ihre Familie. Sie gingen dabei behutsam vor und nutzten die wertvolle alte Substanz. So blieb der große Dielenraum ungeteilt und der originale Flettboden erhalten. Besondere Schmuckstücke wie die barocke Küchentür, der verzierte Pferdestalleinbau und eine Butze fallen ins Auge. Mit der Betrachtung dieser rein baulichen Elemente ist aber noch nichts gesagt über das eigentlich Kostbare, das in diesem Haus bewahrt wurde. Dem Außenstehenden erschließt sich erst nach und nach die besondere Bedeutung dieses Kulturschatzes. Das Atelier und die ganze Wohnumwelt der Künstlerfamilie sind in unzähligen Einzelstücken präsent.


Der 2013 gegründete Verein Treibgut Worpswede hat sich zur Aufgabe gesetzt, neben der Pflege des alten Bestandes das kreative, gestaltende Element, das diesem Künstlerhaus durch die Jahre und Generationen hindurch Leben und Wärme gab, weiter zu entwickeln mit neuen Akzenten und Impulsen: eine Begegnungsstätte schaffen zwischen Vergangenheit und Zukunft - Konzertaktivitäten mit Schwerpunkten wie zeitgenössischer Musik, interkulturellen wie interdisziplinären Ausdrucksformen in Verbindung mit Tanz, Musik und bildender Kunst, Gesprächskreisen, Vorträgen und Ausstellungen in Form von Installationen. 7 unterschiedlich gestaltete Veranstaltungsreihen haben inzwischen auf dieses Projekt im In und -Ausland aufmerksam gemacht und Anklang gefunden.


Die Projekttage 2020 wurden aufgrund der Corona-Massnahmen auf 2021 verschoben und wiederum in Folge der nicht enden wollenden Pandemie und der damit verbundenen Einschränkungen verändert. Der allgemeinen Planungsunsicherheit versuchten wir entgegenzuwirken mit dem Wunsch, den Kulturschaffenden Ausdrucksmöglichkeiten zu bieten und diese filmisch zu vermitteln, wenn die Massnahmen den direkten Kontakt mit unserem Publikum erschwerten. Dietlind Bertelsmann: «Mein Schwerpunkt liegt im Zusammenwirken verschiedener Ausdrucksformen. In den Projekttagen 2021 „ENVOL“ interpretierten hervorragende Solisten Werke der zeitgenössischen Musik in einem ungewöhnlichen, sich verwandelnden Raum. Es entstand ein Spannungsverhältnis zwischen der Musik und einer eigens für das Haus Bertelsmann gebauten beweglichen Skulptur. Unter dem Leitgedanken „ins Offene“ gestalteten wir drei KONZERTANTE RAUMINSTALLATIONEN».


Die sich ständig verwandelnde Skulptur wurde zu einer Art Urlandschaft, wie Treibgut hereingebrochen in einen Wohnraum. Visuelles Erleben führte zu einem anderen Hören. In diesem intimen Rahmen empfanden wohl einige, dass hier etwas Ungewöhnliches geboten und erlebt wurde, ganz im Sinne der inneren Thematik dieser Veranstaltungsreihe: zum Offenen hin, dem Raum unbegrenzter Möglichkeiten.


Dietlind Bertelsmann.

Die Projekttage 2022 beginnen am 24. Juni mit einer Vorführung der 2021 entstandenen filmischen Aufzeichnung der «Konzertanten Rauminstallation I», realisiert von Karsten Wiesel. Wir begegnen hier einer sehr persönlichen Annäherung einer szenischen Aufführung mit den Mitteln des Films.

24. JUNI 2022 — 20 UHR

Filmerstaufführung “ENVOL I”

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Aufzeichnung der Aufführung “Konzertante Rauminstallation I”
von Karsten Wiesel
mit 
Astrid Schmeling: Flöte
Riccardo Castagnola: Elektronik
Dietlind Bertelsmann: Konzept, Skulptur, Raum- und Lichtdesign
Raymond Hassfeld: Technische Einrichtung, Beleuchtung

mit Werken von Stiebler, Kaul, Nono
Die Vorführung wird von einer Podiumsdiskussion begleitet, in der Ausführende und Publikum ihre Eindrücke und Erfahrungen austauschen.

ANMELDUNG
+49 (0)4 792 75 45 — treibgut.asbl@gmail.com 

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15. JULI 2022 — 20 UHR

Konzertante Rauminstallation 
« les voix du silence »

Silvia Hatzl: Installationen
Elise Gäbele: Sopran
Dietlind Bertelsmann: Konzept, Regie, Licht
Raymond Hassfeld: technische Einrichtung, Beleuchtung

Gyorgy Kurtag, Luciano Berio, John Cage, Giacinto Scelsi, Hildegard von Bingen, Sofia Gubaidulina

Am 15.Juli eröffnet eine KONZERTANTE RAUMINSTALLATION mit dem Titel «les voix du silence» die Ausstellung von Silvia Hatzl. Dietlind Bertelsmann entwirft ein Konzept und leitet das Zusammenwirken von Musik und bildnerisch gestaltetem Raum. Zwischen den diaphanen, lichten «Skulpturenbildern» von Silvia Hatzl bewegt sich ein menschliches Wesen: eine einsame weibliche Stimme duchdringt den Raum, - an der Grenze zwischen Klang und Stille. Die in Brüssel lebende belgische Sopranistin Elise Gäbele ist eine namhafte, erfahrene Interpretin Neuer Musik.

Auch diese Aufführung möchten wir in einem Film festhalten.

ANMELDUNG
+49 (0)4 792 75 45 — treibgut.asbl@gmail.com 

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vom 16. Juli bis 28. Agust 2022

AUSSTELLUNG
SILVIA HATZL
“silences”
Installationen

Die aus Oberbayern gebürtige und seit vielen Jahren in Brüssel lebende Künstlerin Silvia Hatzl bevorzugt für ihre „Skulpturenbilder“ – oder Bilderskulpturen – transparente oder halb durchsichtige Stoffe. Es sind Gewänder, die mit ihrer knittrigen Oberflächenstruktur, mit ihren Falten und Schadstellen und ihrer „Unfarbigkeit“ wie längst abgelegte Sachen wirken, leere Hüllen. Sie deuten auf Vergängliches, Altes und Vergessenes hin. Sie sagt dazu: „Meine Skulpturenbilder entstehen nicht im Kopf. Sie werden erfühlt, ertastet, empfunden aus einem Innersten und Unergründeten.“ Die haptische Qualität der „Häute“, die an einfache Mäntel oder Hemden erinnern, ist charakteristisch für ihre Objekte. Die Flecken, Nähte oder Risse lassen an Archaisches denken, aber auch an Verletzbarkeit. Dichte und Leichtigkeit zugleich faszinieren bei diesen „Häuten“. Wie Fahnen der Erinnerung. Das Thema der Zeit, der eigenen, der erlebten und der vergangenen, ist stets präsent.

Silvia Hatz schreibt über ihre Arbeit:
Das Gefühl ist der Anfang.
Empfinden.
Meine Hände erinnern sich der Berührung
erahnen sich Identität,
erspüren das Fragment einer Geschichte,
ertasten verbleichende Spuren.
Ich überlasse mich meiner Hände.
Es ist eine Annäherung, ein Überschreiten
und Aufspüren.
Es ist ein Ertasten, Erfühlen.
Ungreifbar.
Ein vergessener Stoff, ein Fetzen Papier,
zurückgelassene Haut
vermengt mit Erde, Lehm und meinen Träumen,
vernäht mit Draht, Faden und Gedärm,
gefärbt mit Blut, mit der Leere und deren Tiefen,
bemalt mit Rost, Staub und Pigment,
behaftet mit Stille und Gefühl und Zeit. Viel Zeit.
Es ist ein in sich hineinempfindendes,
tiefes Sehnen,
ein unerhofftes Erkennen, manchmal.
Dann ist es da, noch stumm und unförmig,
wird zur Hülle, zum Kopf, zum Sein.




Öffnungszeiten:
Freitag von 14 bis 18 Uhr, Sonnabend, Sonntag von 11 bis 18 Uhr und auf Anfrage, Eintritt 5

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02. September 2022 um 20 Uhr

KONZERT «von weit»

Friedrich Gauwerky : Violoncello
Florian Uhlig: Klavier

WOFGANG RIHM - ROBERT SCHUMANN

Wolfgang Rihm: “von weit - ‚Antlitz‘-Version umschrieben“ (1993) für Violoncello und Klavier
Robert Schumann:“Intermezzi” op 4 für Klavier (1832)
Wolfgang Rihm: “Über die Linie”, 1.Teil für Violoncello (1999)
Robert Schumann:“Allegro” op.8 für Klavier (1831)
Wolfgang Rihm: “Grat” für Violoncello (1972) “von weit” für Violoncello und Klavier (1993)

Für den 02. September hat der Cellist Friedrich Gauwerky zusammen mit dem Pianisten Florian Uhlig ein Programm gestaltet, das uns die Nähe von Wolfgang Rihm zu Robert Schumann erleben lässt, fast zeitnahe zu der Veröffentlichung einer neuen Rihm-CD, die unter Gauwerkys Leitung entstand. Der Pianist Florian Uhlig. hat gerade mit 15 Cds seine weltweite Ersteinspielung des gesamten Klavierwerks von Robert Schumann für Klavier zu zwei Händen abgeschlossen, was gewürdigt wurde unter anderem durch die Verleihung des Preises der Deutschen Schallplattenkritik 2021.


ANMELDUNG
+49 (0)4 792 75 45 — treibgut.asbl@gmail.com 

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16. SEPTEMBER 2022 — 20 UHR - 10 Euro

Filmerstaufführung “ENVOL II”

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Tonaufnahme der Aufführung “Konzertante Rauminstallation II” Juli 2021 im Rahmen der PROJEKTTAGE “ENVOL” im HAUS BERTELSMANN in Worpswede

Friedrich Gauwerky: Violoncello
Ulrich Schlumberger: Akkordeon
Karsten Wiesel: Film
Riccardo Castagnola: Ton

Pintcher, Cage, Gubaidulina

ANMELDUNG
+49 (0)4 792 75 45 — treibgut.asbl@gmail.com 

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17. September 2022 — 20 UHR

Filmerstaufführung “ENVOL III”

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Aufzeichnung der Aufführung “Konzertante Rauminstallation III” 2021
von Karsten Wiesel

mit
Christian Wetzel: Oboe
Friedrich Gauwerky: Violoncello
Dietlind Bertelsmann: Konzept, Skulptur, Raum- und Lichtdesign
Raymond Hassfeld: technische Einrichtung, Beleuchtung

Wir beenden die Projekttage mit weiteren Filmprojektionen, ebenfalls 2021 im Haus Bertelsmann aufgenommen.
Sie lassen uns die «Konzertante Rauminstallationen II und III» in sehr unterschiedlicher Weise nachempfinden und sollen mit einem Nachdenken über das Zusammenwirken verschiedener Ausdrucksformen und -Mittel ausklingen.

ANMELDUNG
+49 (0)4 792 75 45 — treibgut.asbl@gmail.com 

Wir danken den Förderern der PROJEKTTAGE 2022 "VOIX DU SILENCE" :

Landschaftsverband Stade mit Mitteln des Landes Niedersachsen
Musikfonds der Stiftung Worpswede
Waldemar-Koch-Stiftung