PROJEKTTAGE
« ENVOL »

25. Juni bis 25. September 2021

Interkulturelle und interdisziplinäre Ausdrucksformen
Musik - Tanz - Sprache - Bild

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde des HAUS BERTELSMANN,


hiermit möchte ich Sie herzlich einladen, die Projekttage  « ENVOL »  auf der Diele unseres alten Hauses in Gemeinsamkeit zu erleben. Die Coronabedingte, sehr begrenzte Anzahl der Besucher wird die Intensivität dieses Erlebnisses vielleicht noch erhöhen Die Projekttage 2020 wurden aufgrund der Corona-Massnahmen auf 2021 verschoben und wiederum in Folge der nicht enden wollenden Epidemie und der damit verbundenen Einschränkungen verändert. Der allgemeinen Planungsunsicherheit versuchen wir entgegenzuwirken mit dem Wunsch, den Kulturschaffenden Ausdrucksmöglichkeiten zu bieten im direkten Kontakt mit dem Publikum. Mein Schwerpunkt liegt im Zusammenwirken verschiedener Ausdrucksformen.


In den Projekttagen 2021 „ENVOL“ interpretieren hervorragende Solisten Werke der zeitgenössischen Musik in einem ungewöhnlichen, sich verwandelnden Raum. Es entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen der Musik und einer eigens für das Haus Bertelsmann gebauten beweglichen Skulptur. Unter dem Leitgedanken „ins Offene“ gestalten wir drei KONZERTANTE RAUMINSTALLATIONEN. In einer Zeit, die uns aus dem Gewohnten heraushebt und in eine Zukunft treibt, die sich unserer Vorstellung entzieht, kann der Hölderlin-Begriff vielfältig ausgelegt und verstanden werden. Das Offene, sei es nun sichtbar in der Natur z. B., unsichtbar in Musik und Dichtung oder das „weisse Feld“, Symbol unbegrenzter Möglichkeiten.


Unser Dank gilt den Förderern der Projekttage, dem Landschaftsverband Stade mit Mitteln des Landes Niedersachsen, der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und der Sparkasse Rothenburg-Osterholz, dem Musikfonds der Stiftung Worpswede, der Waldemar-Koch-Stiftung.


Ich würde mich sehr freuen, Sie, Euch zu diesem Anlass begrüssen zu dürfen. (Anmeldung ist erforderlich)


Dietlind Bertelsmann.

25. JUNI 2021 — 20 UHR — 20 EURO

Konzertante Rauminstallation I

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Astrid Schmeling: Flöte
Riccardo Castagnola: Elektronik
Dietlind Bertelsmann: Konzept, Skulptur, Raum- und Lichtdesign
Raymond Hassfeld: Technische Einrichtung, Beleuchtung Stiebler, Kaul, Nono

Ernstalbrecht Stiebler:
TEXT für Bassflöte und Klangverzögerung (1998)
Mattias Kaul:
White noise‘n Colours für Bassflöte mit Talkbox (2006)
Luigi Nono:
Das Atmende Klarsein 

Durch die Diele des traditionsbezogenen, alten Bauernhauses/Künstlerhauses zieht sich ein schwebendes, enigmatisches Gebilde (Dietlind Bertelsmann), das immer neue Formen annimmt. Es will nichts bedeuten und kann doch alles sein.

„Ganz direkt fliesst die Luft ins Klangrohr der Flöte. Kein   interface   ist zwischen den Atemimpuls und die schwingende Luftsäule geschaltet, kein Blatt und keine vibrierenden Lippen. Der Mensch tritt in unmittelbaren Kontakt zum Ton, ein Aspekt des Instruments, der Astrid Schmeling schon immer fasciniert hatte. In der Direktheit der Tonerzeugung ähnelt das der menschlichen Stimme.” Hanno Ehrler — ATEM, Strömen ins Offene.

“TEXT” von Ernstalbrecht Stiegler besteht aus einer melodischen Linie in Oktaven, die durch mikrotonale Abweichungen differenziert ist. Diese eine Linie beziehungsweise Stimme wird zu einem polyphonen Stimmenkosmos entfaltet. Bereits der Kontrast zwischen den rein klingenden Oktaven und ihren mikrotonalen Modulationen fächert die Linie auf. Ausserdem werden die Töne durch ein elektronisch erzeugtes Delay verzögert. Es ist eine spezielle Schaltung, die kein Ausklingen, keine Klangschleppe erzeugt, sondern eine Verlängerung um einige Sekunden ohne Verlust der Dynamik. So entsteht ein mehrstimmiger Satz, der wegen seiner mikrotonalen Gestalt durch Schwebungen und Vibrationen charakterisiert ist.

Matthias Kaul stellt den Bezug zur Stimme durch ein technisches Gerät her, die Talkbox, die Rockgitarristen in den 60er Jahren verwendeten. Durch einen Schlauch wird der gespielte E-Gitarrenklang in die Mundhöhle des Musikers geleitet, der ihn durch Veränderungen der Mundhöhle modifizieren kann. In White Noise‘n Colours benutzt Matthias Kaul die Talkbox, um vorproduzierte Einspielungen in das Flötenrohr zu leiten, Klänge von kleiner Trommel, Becken, Tamtam, Triangel und anderen Instrumenten. Diese Einspielungen können jetzt durch Flötentechniken ver ndert werden. Das Thema des Stücks ist das Weisse Rauschen, das durch verschiedene klangliche Mittel gewissermassen umspielt wird und auch wortwörtlich erscheint, wenn die Interpretin einen Text über das Weisse Rauschen klanglich verfremdet spricht. — Hanno Ehrler

Im Schaffen Luigi Nonos stellt „Das atmende Klarsein”, wie er selbst sagt, „ein Werk des Durchbruchs” dar. Ursprünglich als Teil der „Trag die des Hörens” Prometeo konzipiert, durchlief das Stück während seiner Genese einen Emanzipationsprozess hin zum eigenst ndigen hochkomplexen Werk für kleinen Chor, Bassflöte und Live- Elektronik. Die von Nono betriebene Erforschung neuer Klangmöglichkeiten wurde zur impulsgebenden Arbeit, die sein spätes Werk prägen sollte und Nono schliesslich zum bewegten Klang, dem „suono mobile” führte.

ANMELDUNG
+49 (0)4 792 75 45 — treibgut.asbl@gmail.com 

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9. JULI 2021 — 20 UHR — 20 EURO

Konzertante Rauminstallation II

Friedrich Gauwerky: Violoncello
Ulrich Schlumberger: Akkordeon
Dietlind Bertelsmann: Konzept, Skulptur, Raum- und Lichtdesign
Raymond Hassfeld: Technische Einrichtung, Beleuchtung

Matthias Pincher:
„Dernier espace avec introspecteur” für Violoncello und Akkordeon (1994)
Sylvano Bussotti:
„Deborah Parker Aria per Violoncello solo” ( 1987)
John Cage:
Dream für Akkordeon (1948)
Sofia Gubaidulina:
„In croce” für Violoncello und Akkordeon

Dernier espace avec introspecteur

Das Programm ist in wesentlichen Teilen eine späte, kleine Hommage an Joseph Beuys, der am 12.Mai diesen Jahres 100 Jahre alt geworden wäre. Dies ist in direkter Form der Fall durch den Komponisten Matthias Pintscher, der sein Werk   Dernier espace avec introspecteur   geschrieben hat nach dem Erlebnis der gleichnamigen Rauminstallation von Beuys in der Staatsgalerie Stuttgart.

Der mir sehr wichtig erscheinende Italien-Bezug von Beuys kommt zum Ausdruck durch die Einbeziehung eines Werkes von Sylvano Bussotti, einem der wichtigsten Vertreter der italienischen Fluxus-Bewegung.

Die Affintät von Beuys zu John Cage ist offenkundig schon wegen dem für beide so wichtigen Bezug zur Natur in Ihrem Schaffen. 

Keinen direkten Bezug zu Beuys hat das Werk „In croce” von Sofia Gubaidulina, allerdings erinnert die große räumliche Weite der Komposition an die ähnlich weiträumig angelegte musikalische Struktur des Werkes von Matthias Pintscher, und mag somit trotz der großen stilistischen Unterschiedlichkeit beider Werke eine gewisse Abrundung des Programms darstellen. — Friedrich Gauwerky

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25. SEPTEMBER 2021 — 20 UHR — 20 EURO

Konzertante Rauminstallation III

Christian Wetzel: Oboe
Friedrich Gauwerky: Violoncello
Dietlind Bertelsmann: Konzept, Skulptur, Raum- und Lichtdesign
Raymond Hassfeld: Technische Einrichtung, Beleuchtung

Isang Yun:
„Ost-West Miniaturen I” für Oboe und Violoncello (1984)
«Glissées» für Violoncello solo (1970)
„Piri” für Oboe solo (1971)
«Etude Nr. 5», «Dolce» für Violoncello solo (1993)

Toshio Hosokawa :
«Spell song»: für Oboe solo (2014-15)

Isang Yun:
„Ost-West Miniaturen II” für Oboe und Violoncello (1984)

Die kompositorische Vermittlung zwischen Ost und West

In einem Portrait-Konzert mit Werken von Isang Yun werden Werke für Oboe, Violoncello aus den verschiedenen Schaffensperioden Yuns vorgestellt. Beide Instrumente sind die, die Yun schwerpunktmäßig in seinem Schaffen verwendet hat, allen voran das Cello, das Yun selber so profiliert gespielt hat.

Den Rahmen des Programms bilden die beiden „OstWest-Miniaturen I und II“ für Oboe und Violoncello aus dem Jahre 1994, deren Titel gewissermaßen auf ein generelles Wesensmerkmal von Yuns Schaffen hinweist : die kompositorische Vermittlung zwischen Ost und West .
Diese Wesensmerkmale sind in allen 3 Solowerken Yuns deutlich manifestiert.
Das Werk „Glissees“ hat Yun geschrieben unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Deutschland nach mehrjähriger Inhaftierung durch das Park-Regime in Südkorea wegen angeblicher Spionagetätigkeit für Nordkorea. Ich denke , daß man die großen Strapazen der rechtswidrigen Inhaftierung mit der Androhung der Todesstrafe dem Gestus des Werkes anmerkt, der typische Stilmerkmale der koreanischen Hofmusik wie Glissandi (Thema des Werkes) , Verwendung eines Plektrons zur Erzeugung eines charakteristischen Pizzikato - Klanges mit Stilmitteln der damaligen westlichen Avantgarde verbindet.

Auch das Oboenwerk „Piri” (1971), dessen Titel sich auf ein gleichnamiges oboenähnliches koreanisches Instrument bezieht, ist noch sehr dem Stil der westlichen Avantgarde seiner Entstehungszeit verhaftet, wobei Stilmittel der damaligen Avantgarde wie Klangverfremdung, Vierteltonmelodik, multiphonics (Mehrstimmigkeit auf dem Melodieinstrument Oboe) und andere einhergehen mit Elementen, die aus der traditionellen koreanischen Hofmusik stammen wie Ornamentik, Glissandi usw.
Die 7 Etüden für Violoncello hat Yun im Jahre 1993 geschrieben. Sie stellen in ihrer stilistischen Simplizität einen krassen Gegensatz zu den anderen Werken des Programms dar. Ihr verklärter Charakter kommt besonders deutlich zum Ausdruck in der Etüde Nr. 5 , die das Cello wieder in eher traditioneller Art singen läßt, auch hier aber einhergehend mit den typisch asiatischen Idiomen.
Der japanische Komponist Toshio Hosokawa war langjähriger Komopositionsstudent Yuns und ähnlich, wie oft bei Yun, ist in seinem Werk „Spell song“ die Focussierung auf den einzelnen Ton von zentraler Bedeutung. Auch der gelegentliche Bezug zur asiatischen Schriftweise (Pinselstrich , Kalligraphie ) ist bei beiden Komponisten wichtig. Hosokawa schreibt zu seinem Werk: „In meiner Vorstellung war die Oboe immer ein simples Instrument mit einem Doppelrohrblatt, aus Holz, mit einem abschließenden Zylinder. Vielleicht wurde die Musik durch einen Zauber einer höheren Macht geschaffen. Die Stimme ist das „Lied“ und dieses „Lied“ spannt einen Bogen zu den höheren Mächten. Jeder Satz in meinem Lied hat die Form einer asiatischen Kalligraphie, in jedem Satz gibt es eine zentrale Note. Das Leben dieser zentralen Note auszudrücken, ist das eigentlich Wichtige bei der Interpretation. Meine Musik ist eine Kalligraphie von Raum und Zeit in Form von Klängen.“

Friedrich Gauwerky

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16.JULI BIS 29. AUGUST 2021

Ausstellung „Entwerden”

Installation
Silvia Hatzl / Dietlind Bertelsmann

Die konzertanten Rauminstallationen I, II, III und die Installationen „Entwerden” bilden eine formale und gedankliche Einheit. Innerhalb der Ausstellungszeit verändern die Elemente der Installationen ihre Position im Sinne einer Raum/Zeit/Dramaturgie.

Das transdisziplinäre Szenenwerk “ENVOL” devenir II und die Installationen “Entwerden” bilden eine formale und gedankliche Einheit. Innerhalb der Ausstellungszeit verändern die Elemente der Installationen ihre Position im Sinne einer Raum/Zeit/Dramaturgie.

Die aus Oberbayern gebürtige und seit vielen Jahren in Brüssel lebende Künstlerin Silvia Hatzl bevorzugt für ihre „Skulpturenbilder“ – oder Bilderskulpturen – transparente oder halb durchsichtige Stoffe. Es sind Gewänder, die mit ihrer knittrigen Oberflächenstruktur, mit ihren Falten und Schadstellen und ihrer „Unfarbigkeit“ wie längst abgelegte Sachen wirken, leere Hüllen. Sie deuten auf Vergängliches, Altes und Vergessenes hin. Sie sagt dazu: „Meine Skulpturenbilder entstehen nicht im Kopf. Sie werden erfühlt, ertastet, empfunden aus einem Innersten und Unergründeten.“ Die haptische Qualität der „Häute“, die an einfache Mäntel oder Hemden erinnern, ist charakteristisch für ihre Objekte. Die Flecken, Nähte oder Risse lassen an Archaisches denken, aber auch an Verletzbarkeit. Dichte und Leichtigkeit zugleich faszinieren bei diesen „Häuten“. Wie Fahnen der Erinnerung.

Das Thema der Zeit, der eigenen, der erlebten und der vergangenen, ist stets präsent und wird auch Leitgedanke sein für eine umfangreichere Ausstellung ihrer Werke im Haus Bertelsmann, die für 2021 vorgesehen ist.

Dietlind Bertelsmann lädt Silvia Hatzl ein, für die Diele des von den Spuren der Zeit geprägten, ältesten Hauses von Worpswede eine Installation zu gestalten im Dialog mit den Werken ihres jüngst verstorbenen Vaters C.A. Wasserburger.

Die Skulptur von Dietlind Bertelsmann ist ein Etwas, ein Ding, das nichts bedeuten will aber vieles sein kann... wie Treibgut hingeweht, getrieben, mitgezogen, , aber auch mitreissend, forttragend..Die Wirkung entwickelt sich aus dem Raum heraus, ein umschlossener Raum, Träger einer Geschichte, der mit seinen von der Zeit angerürten Mauern, Möbeln und Bildern Wärme ausstrahlt, Geborgenheit aber auch dunkel Drückendes, Enges. Diesen Raum durchquert die mobile Skulptur, zerreisst ihn fast, schwebende Form, monumental und zerbrechlich zugleich, aus Papier: leicht, Symbol des Vergänglichen im Sinn einer Metamorphose. Formen entstehen spontan und sollen nichts „bedeuten“. In unserer Vorstellung bilden sich Assoziationen, Bedeutungen. Alles ist offen, in Bewegung, von einem Zustand in einen anderen, von einer Form zur anderen.

Das Material Japanpapier ist vielmals gefärbt in einer japanischen Tinktur aus Kakifrüchten, einer lebenden Farbe, die die Eigenheit besitzt, sich bei jeder Färbung mehr zum Rot hin zu entwickeln. Von vorn beleuchtet, erscheint die Materie braunschwarz und im Gegenlicht orange-rot. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Verwelken und Glühen, zwischen Absterben und Aufflammen, Asche und Feuer.

Öffnungszeiten:


Freitag von 14 bis 18 Uhr, Sonnabend, Sonntag von 11 bis 18 Uhr
und auf Anfrage, Eintritt 5 Euro