100 Jahre sind seit dem Umbau des Niedersächsischen Bauernhauses zum Künstlerhaus im Rahmen der Künstlerkolonie Worpswede vergangen. Das Baudenkmal von 1785 hat außen und innen nur wenige Veränderungen gegenüber seinem Ursprung erfahren. Walter und Erna Bertelsmann gestalteten das ländliche Haus um und entwickelten es zu einem „Künstlerhaus“ für sich und ihre Familie. Sie gingen dabei behutsam vor und nutzten die wertvolle alte Substanz. 2012 hat die Enkelin Dietlind Bertelsmann das Familienhaus übernommen und neben den Sanierungsmassnahmen das baufällige Anwesen umgewandelt in einen Ort der Begegnung, wo sich Altes mit Neuem verbindet.

Auf der Diele des ehrwürdigen Künstlerhauses begegnen sich interkulturelle wie interdisziplinäre Ausdrucksformen in Verbindung mit zeitgenössischer Musik, Tanz und bildender Kunst, Ausstellungen und Experimentarfilmen. Gefördert durch den Verein Treibgut Worpswede haben inzwischen vier unterschiedlich gestaltete Veranstaltungsreihen auf dieses Projekt im In- und Ausland aufmerksam gemacht und Anklang gefunden.

Baugeschichtliches

Das heute Im Rusch stehende Gebäude wurde im Jahre 1785 errichtet. Dies geht aus der Inschrift über dem Einfahrtstor zur Diele hervor. Sie lautet Bauherr: Heinrich Bötjer 1785  27. Majus Meister Wohlerdt Mahncken. Aus den Kirchenbüchern und anderen noch vorhandenen amtlichen Unterlagen aus der damaligen Zeit geht zur Person des Bauherrn folgendes hervor: Hinrich Bötjer stammte vom Worpsweder Vollhof Nr. 6. Er hatte 1770 in die Hofstelle Nr. 19 des Brinksitzers Cord Lilienthal eingeheiratet und den Hof übernommen. 1785 hat er das alte Gebäude durch einen Neubau ersetzt, der in seiner äußeren Gestalt im Wesentlichen dem heutigen Gebäude entspricht, welches 1918 von dem Worpsweder Maler Walter Bertelsmann gekauft wurde. Die bis heute erhaltene Grundstruktur des Gebäudes ist die eines niederdeutschen Hallenhauses, dessen tragendes Skelett aus Eichenfachwerk besteht. Sein Dach ist strohgedeckt; es hat am Torgiebel nur im oberen Bereich einen Walm, während der Walm am Südgiebel heruntergezogen ist.

Das Gebäude ist ähnlich einer dreischiffgen Kirche gegliedert. Das Mittelschiff bildet die breite Diele. Sie war mit dem Herd an ihrem Ende der Lebens- und Arbeitsmittelpunkt des häuslichen bäuerlichen Alltags. Zwei mächtige Holzständerreihen — daher auch der Fachbegriff  „Zweiständerhaus“— grenzen sie ihrer Länge nach zu den niedrigeren, gleichhohen Seitenschiffen, auch Kübbungen genannt, ab. Letztere sind durch Querwände getrennt, aber zur Diele hin offen und dienten als Ställe für das Vieh. Die Länge der Diele richtete sich nach der Größe der bäuerlichen Wirtschaft. Dem entsprechend groß war die Anzahl der Holzständer, deren Abstände untereinander als „Fach“ bezeichnet wurden. Kleine bäuerliche Wirtschaften kamen mit einem Vier-Fach-Haus aus.

Das Fach, in welchem sich der Herd befand, ging für gewöhnlich über die rechts und links des Herdes befindlichen, als Luchten bezeichneten Bereiche bis an die beiden Längsaußenwände heran und wurde als Flett bezeichnet. Das dahinter liegende Fach war durch eine Wand von der Diele abgetrennt. Dieser auch als Kammerfach bezeichnete Bereich beherbergte die Schlafkammern und hatte eine niedrigere Decke als die Diele. Das Gebäude, das Hinrich Bötjer errichten ließ, hat eine Diele mit 5 Fachen bis an die Trennwand zu Kammerfach.

Einige Bauteile entsprechen heute nicht mehr dem ursprünglichen Zustand. So sind große Teile des ursprünglich ausgemauerten Fachwerks auf beiden Längsseiten durch massives Mauerwerk ersetzt worden Das wohnlich genutzte Kammerfach entspricht wohl nicht mehr dem ursprünglichen Zustand. Seine Außenwände bestehen fast ausschließlich aus Mauerwerk, sind über den ursprünglichen Fachwerksbereich hinaus verlängert worden und besitzen ein bei städtischen Häusern übliches stehendes hohes Fensterformat mit einem leichten Stichbogen.

Der Endpunkt des Dacfirsts lässt darauf schließen, dass die rückwärtige Giebelwand ursprünglich gerade bis zum First hinauf gereicht hat. Erst durch die Erweiterung des Wohnteils ist es zu der leicht konkav gekrümmten Anwalmung der Dachflaäche gekommen.

Die jetzige Eigentümerin Dietlind Bertelsmann, eine Enkelin des Worpsweder Malers Walter Bertelsmann, ist in diesem Haus groß geworden. Der jetzige Zustand des Hauses entspricht dem aus der Zeit vor ca. 70 Jahren. Sie kann sich jedoch daran erinnern, dass der oben genannte rückwärtige Dachwalm zu ihren Zeiten noch mit Tondachziegeln eingedeckt war. Um dem Gebäude im Dachbereich ein ganzheitliches Aussehen zu geben, hat ihre Tante, Hilda Bertelsmann, den Walm ebenfalls mit Stroh eindecken lassen.

Aus der Biographie des Dr. Felgendreher über Walter Bertelsmann geht hervor, dass der ursprüngliche Zustand des niederdeutschen Hallenhauses durch Einziehen von Wänden zumindest im Bereich des ehemaligen Kuhstalls verändert worden ist, um hier ein Atelier zu schaffen. Wann die anderen AÄnderungen vorgenommen worden sind, unter anderem auch das Einziehen weiterer Trennwände zur Diele, um weitere Räume zum Wirtschaften, Wohnen und Schlafen zu gewinnen, ist nach dem bisherigen Kenntnisstand nicht zu belegen.


Zur Sanierung des „Haus Bertelsmann”

Im Frühjahr 2013 begannen die Maßnahmen zur Sanierung der Außenhülle des Gebäudes: Eindeckung des Reetdaches der Westfassade sowie Fachwerkarbeiten an der Ostseite. Die Reetdacheindeckung der Ostfassade und die Farbarbeiten auf dieser Seite wurden in den folgenden Jahren, 2014 und 2015 durchgeführt. Nachdem es im Jahr 2016 keine Massnahmen gegeben hat, wurden diese in 2017 mit Zimmer, Maurer und-Malerarbeiten an der Nord und- Westfassade des Gebäudes fortgesetzt und beendet.

Daüber hinaus erhielt die Giebelfront mit einem Pflastermuster aus alten Moorpflasterziegeln und verschieden großen Feldsteinen einen entsprechenden Vorbereich, wie er bei vielen Bauerngeöftenüblich war und wie er heute in Worpswede noch bei einigen Geäuden aus der ärmlichen Zeit vorzufinden ist. Zusammen mit der wieder voll gängig gemachten Grootdör kann das Gebäude nunmehr über die Diele auch von dieser Seite wieder zugängig gemacht werden. Die Zugangsbereiche zu den an den Längsseiten gelegenen Türen sind weniger aufwändig hergerichtet worden. Die mächtigen, straßenbegleitenden Linden bieten dem Gebäude mit seinem Reetdach, seinem markanten blauen Fachwerk und den roten Ausfachungen eine passende natürliche Umgebung und Schutz zugleich. Dies und die ausreichende Distanz zu den Nachbargebäuden betonen die Einzigartigkeit des Gebäudes in dem Straßenzug. Sie vermitteln einen Eindruck, wie zur Zeit der Errichtung des Gebäudes im Jahre 1785 der Ortsrand Worpswedes mit Hofstellen besetzt war, die sich mit ihrem Wirtschaftsteil zu den Flächen der Hammeniederung hin orientierten.


Rolf Klein
Worpswede, im September 2017

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TREIBGUT

Der 2013 gegründete Verein Treibgut Worpswede hat sich zur Aufgabe gesetzt, neben der Pflege des alten Bestandes das kreative, gestaltende Element, das diesem Künstlerhaus durch die Jahre und Generationen hindurch Leben und Wärme gab, weiter zu entwickeln mit neuen Akzenten und Impulsen: eine Begegnungsstätte schaffen zwischen Vergangenheit und Zukunft — Konzertaktiviäten mit Schwerpunkten wie zeitgenössischer Musik, interkulturellen wie interdiszipliären Ausdrucksformen in Verbindung mit Tanz, Musik und bildender Kunst, Gespächskreisen, Vorträgen und Ausstellungen in Form von Installationen.

Zweck des Vereins ist, das über 200 Jahre alte Worpsweder Bauernhaus und seit fast 100 Jahren Künstlerhaus Bertelsmann als Baudenkmal und kulturelles Erbe zu bewahren und in diesem Rahmen neue Impulse zu geben durch Konfrontation mit zeitgenössischen, interkulturellen wie interdisziplinären Ausdrucksformen, insbesondere auf den Gebieten Musik und Darstellender Kunst.

treibgut Worpswede e.V. wirkt vereint mit dem 1998 in Brüssel gegründeten Verein treibgut asbl. (www.treibgut.be)