100 JAHRE KÜNSTLERHAUS BERTELSMANN

Zu Ehren der Jubiläumsfeier 800 Jahre Worpswede sowie der 100 Jahre Künstlerhaus Bertelsmann in 2018 haben wir die Sanierungsarbeiten des denkmalgeschützten Gebäudes abgeschlossen und veranstalten darin vom 25. Juni bis zum 11. September 2020 ein kulturelles Programm unter dem Titel PROJEKTTAGE “ENVOL”.


Das Baudenkmal, ein niedersächsisches Bauernhaus von 1785 hat außen und innen nur wenige Veränderungen gegenüber seinem Ursprung erfahren. Diese kleineren Umbauten sind hauptsächlich gleich nach 1918 erfolgt, nachdem der Maler Walter Bertelsmann das Bauernhaus gekauft hatte. Walter und Erna Bertelsmann gestalteten das ländliche Haus um und entwickelten es zu einem „Künstlerhaus“ für sich und ihre Familie. Sie gingen dabei behutsam vor und nutzten die wertvolle alte Substanz. So blieb der große Dielenraum ungeteilt und der originale Flettboden erhalten. Besondere Schmuckstücke wie die barocke Küchentür, der verzierte Pferdestalleinbau und eine Butze fallen ins Auge. Mit der Betrachtung dieser rein baulichen Elemente ist aber noch nichts gesagt über das eigentlich Kostbare, das in diesem Haus bewahrt wurde. Dem Außenstehenden erschließt sich erst nach und nach die besondere Bedeutung dieses Kulturschatzes. Das Atelier und die ganze Wohnumwelt der Künstlerfamilie sind in unzähligen Einzelstücken präsent:


Der 2013 gegründete Verein Treibgut Worpswede hat sich zur Aufgabe gesetzt, neben der Pflege des alten Bestandes das kreative, gestaltende Element, das diesem Künstlerhaus durch die Jahre und Generationen hindurch Leben und Wärme gab, weiter zu entwickeln mit neuen Akzenten und Impulsen: eine Begegnungsstätte schaffen zwischen Vergangenheit und Zukunft - Konzertaktivitäten mit Schwerpunkten wie zeitgenössischer Musik, interkulturellen wie interdisziplinären Ausdrucksformen in Verbindung mit Tanz, Musik und bildender Kunst, Gesprächskreisen, Vorträgen und Ausstellungen in Form von Installationen.


Sechs unterschiedlich gestaltete Veranstaltungsreihen haben inzwischen auf dieses Projekt im In und -Ausland aufmerksam gemacht und Anklang gefunden.


Wir haben unser Vorhaben, auf internationaler Ebene zu arbeiten, weitergeführt und dabei die Beziehung Brüssel – Worpswede - Japan gefördert. Aus Brüssel reisen nicht nur Künstler nach Worpswede, sondern auch ihr dortiges Publikum, dass auf diese Weise für sich Worpswede entdeckt. 

25. JUNI BIS 11. SEPTEMBER 2020

PROJEKTTAGE
« ENVOL »
« devenir II »

2020

Transdisziplinäres Szenenwerk

Butôh-Tanz, Musik/live, Skulptur in Bewegung

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Wir eröffnen die Projektreihe 2020 mit einer Inszenierung von Dietlind Bertelsmann. Sie entwirft und realisiert ein Szenenwerk, oder anders gesagt: eine spartenübergreifende Performance, in der sie Musik, Butôh - Tanz und eine von ihr eigens für das Haus Bertelsmann erbaute bewegliche Skulptur aus bearbeitetem Japanpapier gleichwertig im Spannungsverhältnis zueinander in Szene setzt. Die verschiedenen Kunstsparten durchdringen einander.

Die in Japan lebende Butôh - Tänzerin und Choreografin Hisako Horikawa und die Flötistin Astrid Schmeling, bringen ihr künstlerisches Können und die Ausstrahlung ihrer Persönlichkeit in dieses Projekt ein. Musikalisch geprägt wird das Szenenwerk durch Luigi Nono's “Atmendes Klarsein”, hier für Bassflöte und Elektronik (Riccardo Castagnola).

Durch die Diele des traditionsbezogenen, alten Bauernhauses/Künstlerhauses zieht sich ein schwebendes, enigmatisches Gebilde, das immer neue Formen annimmt. Es will nichts bedeuten und kann doch alles sein: sich ständig verwandelnde Landschaften der Seele. Die Musik der Flöte wird vervielfacht und verfremdet durch Mitwirkung eines Klangregisseurs, der den elektronischen Zuschnitt life in die Aufführung einwirkt und mit der solistischen Darbietung verbindet - ATEM, Strömen ins Offene.

Im Tanz vereinen sich die Gegensätze: Engel und Dämon, Blüte und Urne, Leben und Sterben. Es entstehen Sinnbilder, in denen die Zeit zum Raum wird, als Dynamik dieses Raumes, zum Ort kreativer Entwicklung. “devenir” (Werden)
Kommt Bewusstsein zur Ruhe, wird das Nacheinander zum Ineinander, zur Multidimensionalität des Augenblicks.

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25. + 27. JUNI 2020, 20:00 UHR
Eintritt 20 Euro

Szenenwerk/Spartenübergreifende Performance

« ENVOL »
devenir II

Butôh-Tanz, Musik/live, Rauminstallation/Skulptur 


Dietlind Bertelsmann: Konzept, künstlerische Leitung, Skulptur, Raum- und Lichtdesign
Hisako Horikawa: Butôh-Tanz
Astrid Schmeling: Flöte
Riccardo Castagnola: Elektronik/Klangregie
Hélène Kufferath: szenographische Assistenz, Ausführung Skulptur
Raymond Hassfeld: technische Einrichtung, Beleuchtung_ 

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11. Juli bis 30. August 2020

« Entwerden »

AUSSTELLUNG
INSTALLATIONen

Die aus Oberbayern gebürtige und seit vielen Jahren in Brüssel lebende Künstlerin Silvia Hatzl bevorzugt für ihre „Skulpturenbilder“ – oder Bilderskulpturen – transparente oder halb durchsichtige Stoffe. Es sind Gewänder, die mit ihrer knittrigen Oberflächenstruktur, mit ihren Falten und Schadstellen und ihrer „Unfarbigkeit“ wie längst abgelegte Sachen wirken, leere Hüllen. Sie deuten auf Vergängliches, Altes und Vergessenes hin. Sie sagt dazu: „Meine Skulpturenbilder entstehen nicht im Kopf. Sie werden erfühlt, ertastet, empfunden aus einem Innersten und Unergründeten.“ Die haptische Qualität der „Häute“, die an einfache Mäntel oder Hemden erinnern, ist charakteristisch für ihre Objekte. Die Flecken, Nähte oder Risse lassen an Archaisches denken, aber auch an Verletzbarkeit. Dichte und Leichtigkeit zugleich faszinieren bei diesen „Häuten“. Wie Fahnen der Erinnerung.


Das Thema der Zeit, der eigenen, der erlebten und der vergangenen, ist stets präsent und wird auch Leitgedanke sein für eine umfangreichere Ausstellung ihrer Werke im Haus Bertelsmann, die für 2021 vorgesehen ist.


Dietlind Bertelsmann lädt Silvia Hatzl ein, für die Diele des von den Spuren der Zeit geprägten, ältesten Hauses von Worpswede eine Installation zu gestalten im Dialog mit den Werken ihres jüngst verstorbenen Vaters C.A. Wasserburger.

Die Skulptur von Dietlind Bertelsmann ist ein Etwas, ein Ding, das nichts bedeuten will aber vieles sein kann... wie Treibgut hingeweht, getrieben, mitgezogen, , aber auch mitreissend, forttragend..Die Wirkung entwickelt sich aus dem Raum heraus, ein umschlossener Raum, Träger einer Geschichte, der mit seinen von der Zeit angerürten Mauern, Möbeln und Bildern Wärme ausstrahlt, Geborgenheit aber auch dunkel Drückendes, Enges. Diesen Raum durchquert die mobile Skulptur, zerreisst ihn fast, schwebende Form, monumental und zerbrechlich zugleich, aus Papier: leicht, Symbol des Vergänglichen im Sinn einer Metamorphose. Formen entstehen spontan und sollen nichts „bedeuten“. In unserer Vorstellung bilden sich Assoziationen, Bedeutungen. Alles ist offen, in Bewegung, von einem Zustand in einen anderen, von einer Form zur anderen.


Das Material Japanpapier ist vielmals gefärbt in einer japanischen Tinktur aus Kakifrüchten, einer lebenden Farbe, die die Eigenheit besitzt, sich bei jeder Färbung mehr zum Rot hin zu entwickeln. Von vorn beleuchtet, erscheint die Materie braunschwarz und im Gegenlicht orange-rot. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Verwelken und Glühen, zwischen Absterben und Aufflammen, Asche und Feuer.

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10. JULI 2020, 18:00 UHR

ERÖFFNUNG

der Ausstellung
mit einer Klanginstallation

Das transdisziplinäre Szenenwerk “ENVOL” devenir II und die Installationen “Entwerden” bilden eine formale und gedankliche Einheit. Innerhalb der Ausstellungszeit verändern die Elemente der Installationen ihre Position im Sinne einer Raum/Zeit/Dramaturgie.

ANMELDUNG
+49 (0)4 792 75 45 — treibgut.asbl@gmail.com 

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11. SEPTEMBER 2020, 20:00 UHR

PORTRAITKONZERT

Isang Yun

Christian Hommel: Oboe
Friedrich Gauwerky: Violoncello
Andreas Mildner: Harfe

Isang Yun: Duo für Violoncello und Harfe (1984)
“Piri” für Oboe solo (1971)
“In Balance” für Harfe solo (1987)
“Ost-West Miniaturen” für Oboe und Violoncello (1984)
“Espace II” für Oboe, Violoncello und Harfe (1993)

Wir beschliessen die Projekttage mit einem musikalischen Höhepunkt. Der renommierte Cellist Friedrich Gauwerky lädt den Oboisten Christian Hommel und den Harfenisten Andreas Mildner ein zu einem Gesprächskonzert.

Die kompositorische „Vermittlung zwischen Ost und West“

Aus Anlaß des 25. Todestages des Koreanisch-Deutschen Komponisten Isang Yun am 3. November 2020 werden in einem Gedenkkonzert Werke für Oboe, Violoncello und Harfe aus den verschiedenen Schaffensperioden Yuns vorgestellt. Alle 3 Instrumente sind die, die Yun schwerpunktmäßig in seinem Schaffen verwendet hat, allen voran das Cello, das Yun selber so profiliert gespielt hat.
Bewußt wurde das Programm so angelegt, daß solistische Kompositionen („Piri“ und „In balance“) abwechseln mit Duo-Werken „Duo für Violoncello und Harfe“, „OstWest – Miniaturen“ und der Trio-Version von „Espace II“ am Ende des Programms.

Das Frühwerk „Piri“ (1971), dessen Titel sich auf ein gleichnamiges oboenähnliches koreanisches Instrument bezieht, ist noch sehr dem Stil der westlichen Avanrtgarde seiner Entstehungszeit verhaftet, wobei sich Stilmittel der damaligen Avantgarde wie Klangverfremdung, Vierteltonmelodik, multiphonics (Mehrstimmigkeit auf dem Melodieinstrument Oboe) und andere einhergehen mit Elementen, die aus der traditionellen koreanischen Hofmusik stammen wie Ornamentik, Glissandi usw..

Im „Duo für Violoncello und Harfe“ (1984) wie auch im Werk für Harfe solo „In balance“ (1987) wird eine stilistische Weiterentwicklung Yuns deutlich: beide Instrumente werden klanglich wieder auf traditionellere Art verwendet, Tonalität ist nicht mehr ausgeschlossen und wird dem Ermessen des Komponisten entsprechend eingebracht. Es bleibt auch hier die für Yun so typische Einbeziehung von Stilmitteln der traditionellen koreanischen Musik.

Diese stilistische Entwicklung Yuns wird fortgesetzt in dem Spätwerk „Ost-West-Miniaturen“ aus dem Jahre 1994, wobei hier schon der Titel des Werkes ein Wesensmerkmal Yuns Schaffen insgesamt formuliert: die kompositorische „Vermittlung zwischen Ost und West “.

Yuns intensive Beschäftigung mit dem Violoncello wird noch einmal deutlich im letzten Werk des Programms: in „Espace II“ hat es unter anderem durch große virtuose Ansprüche an diesen Part eine kompositorisch hervorgehobene Stellung, die eingebettet ist in die spezifischen akkordischen und melodischen Charakteristika seiner beiden anderen Schwerpunktinstrumente Oboe und Harfe.

Friedrich Gauwerky

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